OMG — Oh My God
Filmreif: Ein „Boxer" namens Christoph Daum, „Der Don ist tot" und etwas Skandal-Bimbes für den Nationaltorhüter.
„Cassius", so tauft der Kölner Boulevard den frechen, unbekümmerten Trainer des FC, der Fußball-Deutschland 1989 aus dem Tiefschlaf reißt, den großen FC Bayern fordert, fürchterlich auf die Nuss bekommt – und in einem unvergessenen TV-Auftritt deutsche Fußball- und Fernsehgeschichte schreibt. Ein anderer Kölner tritt in den turbulenten 80-er Jahren mit einem damals hoch brisanten Buchprojekt eine Lawine los. Das sind einige Skandal- und Fremdschämgeschichten, die kennzeichnend für den 1. FC Köln sind.
Daum gegen Hoeneß – Das legendäre TV-Duell: Den ZDF-Zuschauern stockt am 20. Mai 1989 der Atem. Unmittelbar vor dem direkten Duell am 31. Spieltag der Saison 1988/89 treffen FC-Coach Christoph Daum, flankiert von Sportdirektor Udo Lattek und Bayern-Trainer Jupp Heynckes, der Begleitschutz von Manager Uli Hoeneß erhält, im „Aktuellen Sport-Studio" aufeinander. Es wird eine Sternstunde des deutschen Sportfernsehens, ein Giftpfeil-Regen, der bis heute unübertroffen ist. Moderator Bernd Heller holt Daum direkt ab. Die Frage, ob er das Flugticket zur Meisterschaftsfeier nach München schon gekauft hätte, beantwortet der Herausforderer schlagfertig: „Ja, für Uli Hoeneß, damit er nach Köln kommen kann." Der Bayern-Macher lächelt (noch) milde, doch dann legt er los. Eine ganze Mappe hat sich Hoeneß nach Mainz mitgenommen. Das Cleverle aus Ulm ist wie immer gut vorbereitet und konfrontiert Daum der Reihe nach wie in einem Verhör mit seinen Verbal-Spitzen gegen Heynckes ("Du hast über Jupp Heynckes gesagt: Der könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen" – „Richtig"). Das Daum-Zitat „Nach dem Sieg in Mailand ging es ihm (Heynckes, d. Red.) mal für ein paar Stunden besser, da war eine Hirnwindung mehr durchblutet, im Grunde genommen ist er völlig kaputt" bringt Hoeneß auf die Palme. Der angegriffene Heynckes sieht die Bundesliga durch Daum „PR-mäßig angeheizt", schwört direkt Rache: „Wie er mich unterhalb der Gürtelline attackiert hat, das ist nicht zu akzeptieren und das werde ich auch nicht vergessen." Gejohle bricht im Studio aus, als Daum anmerkt, dass „die Bayern die Höhe der Gürtellinie beurteilen." Daum agiert wie ein Boxer. „Du versuchst alles", feuert er den nächsten Verbal-Haken an Hoeneß, „mich von meinem Weg abzubringen – aber ich kann dir versichern: Das schaffst auch du nicht." Die Zuschauer sind jetzt völlig euphorisiert und singen „Zieht den Bayern die Lederhosen aus." Hoeneß kontert trotzdem direkt: „Ich werde das auch gar nicht versuchen, denn am nächsten Donnerstag ist dein Weg zu Ende." Stimmt nicht ganz. Köln verliert zwar das mit viel Spannung erwartete direkte Duell gegen die Bayern und danach das Meisterrennen, aber Daum bleibt noch bis 1990 im Amt und kehrt 2006 für zweieinhalb Jahre auf die FC-Trainerbank zurück.
Der Bundesligaskandal: Gemeinhin werden mit dem Bundesligaskandal Schake 04, Hertha BSC, Kickers Offenbach und Arminia Bielefeld assoziiert. Doch auch der 1. FC Köln ist verstrickt. Durch seinen Nationaltorhüter Manfred Manglitz, der zweimal lebenslang gesperrt, nach zwei Jahren aber wieder begnadigt wird. Betroffen sind die folgenden Spiele:
5. Mai 1971 (Nachholspiel vom 24. Spieltag) 1. FC Köln – Rot-Weiss Essen 3:2. Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas († 1999) will Köln motivieren, Konkurrent Essen zu schlagen und fragt Manfred Manglitz vor dem Spiel am Telefon, wie viel er dafür bieten müsse. Manglitz fordert 25.000 DM, sonst würde er gegen Rot-Weiss Essen „einige Dinger durchlassen". Canellas zahlt, sein Vize Willi Konrad lässt sich die Summe sogar von Manglitz‘ Verlobter quittieren.

22. Mai 1971 (32. Spieltag) 1. FC Köln – Rot-Weiß Oberhausen 2:4. Wiederum ist Manglitz bestochen, diesmal von Oberhausens Präsident Peter Maaßen. 30.000 DM gibt es für die Kölner Mannschaft, diesmal soll Köln verlieren, was geschieht. Manglitz sieht nicht sonderlich gut aus bei den Gegentoren.
5. Juni 1971 (34. Spieltag): 1. FC Köln – Kickers Offenbach 4:2. Erneut fragt Canellas den Kölner Torwart Manglitz nach einem Gefallen. Wie viel er denn für einen Sieg seiner Kickers zahlen müsste. Manglitz fordert für sich und fünf seiner Mitspieler 100.000 DM, obwohl er selbst nicht mitspielen wird. Canellas geht nur zum Schein darauf ein und zahlt nicht. Köln gewinnt, Offenbach steigt ab und der betrogene Betrüger Canellas lässt die Bombe platzen, da er die Telefonate mitgeschnitten hat.
„Toni" und der Anpfiff: „Es ist immer das gleiche", mit diesem doch recht belanglosen Satz beginnt das vielleicht größte Skandal-Buch der deutschen Fußballgeschichte. 1987 bringt FC-Idol Harald „Toni" Schumacher mit „Anpfiff – Enthüllungen über den deutschen Fußball” (Verlag: Heyne) zwischen zwei Buchdeckel – und sich um seinen Job. Vergessen Sie Uli Steins „Halbzeit", Jimmy Hartwigs „Ich möcht‘ noch so viel tun” oder Stefan Effenbergs „Ich hab’s allen gezeigt” – die Mutter aller Fußball-Skandalbücher kommt aus der Feder des „Tünn". Sätze wie „Immel pokerte wie ein Süchtiger" oder Kapitel wie „Rummenigge: Allein gegen die Mafia", „Spritzen und Sex" und „Die Presse: Mit Feder und Dachlatte" begeistern bis heute eine ganze Fußball-Lesergeneration. Beim DFB – man kann es ahnen – ist man über so viel Enthüllungsjournalismus und Transparenz eher „not amused". DFB-Teamchef Franz „Franz" Beckenbauer suspendiert den Kölner Keeper auf Weisung des Präsidiums, was er später als „größten Fehler” bezeichnet. Das Länderspiel gegen Spanien (2:2) am 15. Oktober 1986 ist der letzte Auftritt des zweimaligen Vize-Weltmeisters im DFB-Trikot. Den schmerzt es mindestens genauso sehr, dass ihn auch sein FC vor die Tür setzt – und das ausgerechnet am Geburtstag.
Alles auf Anfang: Köln und die Trainer – Ein Kapitel für sich! Am 27. April 2019 beurlaubt der „Effzeh" den in Köln geborenen Coach Markus Anfang ("Mir muss keiner sagen, was der FC bedeutet"). Zuvor kann der Zweitligist vier Spiele in Folge nicht gewinnen – und trennt sich trotz des klaren Vorsprungs von sechs Punkten auf den Relegationsplatz von Anfang, den man erst zum Saisonstart aus Kiel geholt hat.
Schluss nach zwei Spielen: Der 1. FC Köln sorgt auch für zwei der schnellsten Trainer-Entlassungen der Bundesliga-Geschichte. Nach einem 0:1 gegen Schalke 04, 1:1 in Düsseldorf und dem peinlichen Pokal-Aus beim Amateurklub Beckum muss Morten Olsen Ende August 1995 gehen. Rinus Michels, „der General" aus den Niederlanden, muss 1983 ebenfalls nach dem zweiten Spieltag gehen.
Köln und die Engländer – So `ne Driss! Englische Gegner verhindern im Europapokal mehrfach den ganz großen Erfolg für den 1. FC Köln. Gegen die Klubs „von der Insel, die irgendwo vor Holland in der Nordsee liegt" (FC-Fan und BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken) gibt es in 15 Spielen nur drei Siege. 1979 und 1981 stoppen Nottingham Forest (3:3 / 0:1) und Ipswich Town (0:1 / 0:1) Köln jeweils im Halbfinale von Meistercup und UEFA-Pokal. Bei allem Respekt: Die Final-Gegner von Forest und Ipswich Town, Malmö FF und AZ Alkmaar, wären für das damals den deutschen Fußball mit bestimmende FC-Team allemal machbar gewesen!
Das Los ist gegen Köln: Geschichte schreibt jedoch das einzige Duell mit dem FC Liverpool im Viertelfinale des Meistercups 1964/65. Nach zweimal 0:0 in Köln und Anfield – damals gibt es noch kein Elfmeterschießen – muss ein Entscheidungsspiel her. In Rotterdam steht es nach 120 Minuten wieder Unentschieden – 2:2. Das Los muss her, um einen Sieger zu ermitteln. „Die bitterste, die grausamste Art, ein Fußballspiel zu entscheiden", wie Ulrich Kühne-Hellmessen im Buch „Verrückter Europacup" (Sportverlag Berlin, 1999) schreibt, „selbst das Los wollte nicht für Köln entscheiden." Die von Schiedsrichter Robert Schaut (Belgien) geworfene Plakette bleibt im Morast von „De Kuip" stecken. Ein zweiter Wurf muss her – und die Plakette fällt auf „Rot", also zugunsten des FC Liverpool. Auf der Insel ist man entsetzt über diese Entscheidung. „Der größte Vereinswettbewerb Europas wird zur Lotterie", kommentiert der Daily Mail.
Der Don ist tot – oder doch nicht? Eine der bizarrsten Anekdoten um den 1. FC Köln gibt es in den Gründerjahren des Vereins. 1947/48 verletzt sich FC-Spieler Hennes Weisweiler im Aufstiegsspiel zur Oberliga West bei Rhenania Würselen schwer. In der Domstadt macht schnell das Gerücht die Runde, dass Weisweiler im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen sei. Der „Don" ist zum Glück nicht tot – aber er trägt mit einem Schädelbasisbruch eine schwere Verletzung davon.
Wo sind die Häßler-Millionen? Während der WM 1990 wird plötzlich Erfolgstrainer Christoph Daum entlassen. Im Jahr 1991 tritt Präsident Artzinger-Bolten zurück. Zwei Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Doch unter Artzinger-Boltens Nachfolger Klaus Hartmann kommt heraus, dass der 1. FC Köln nahezu pleite ist. Die Lizenzerteilung ist hochgradig gefährdet. Warum? Das weiß und versteht kein Mensch. Das Wort von den verschwundenen Häßler-Millionen macht die Runde. Details des Transfers mit Juventus Turin können nie aufgeklärt werden. Was mittlerweile klar ist: Der Transfer und seine verschwiegenen Details sind eine Ursache für die Entlassung Daums, die den im Urlaubsdomizil in der Nähe des deutschen WM-Quartiers in Italien ereilt, und auch für den Rücktritt von Artzinger-Bolten.
Dämlichkeit im DFB-Pokal – „Mach et Otze": Es ist der 7. Mai 1991. Stürmer Frank Ordenewitz sieht im Halbfinale des DFB-Pokals Gelb und wäre deshalb im Finale gesperrt. Das will er nicht. Also holt er sich Rot, damit er seine Sperre in der Liga absitzen kann (das geht damals). Trainer Erich Rutemöller gibt grünes Licht: „Mach et, Otze!" Der Schuss geht nach hinten los. Rutemöller kann nach Spielende seine „Klappe" nicht halten und offenbart live im TV, Otze habe mit ihm kurz gesprochen. „Ich meine, man sollte ihm die Chance nicht nehmen, ins Pokalendspiel zu kommen. Da habe ich gesagt: ‹Mach et!". Der DFB findet das nicht lustig und ändert seine Statuten: Ordenewitz wird ausdrücklich auch für das Pokalfinale gesperrt, Rutemöller muss 5.000 DM Strafe bezahlen und sich von Sportdirektor Udo Lattek einen „Amateur" schimpfen lassen. Lange ist Rutemöller nicht mehr Trainer in Köln. Nachtrag: Ein Hobby-Team, ein Kegelclub und eine Facebook-Gruppe tragen mittlerweile den Namen „Mach et, Otze".
Steffen Baumgart und seine Mütze – der Kölner Trainer wurde zwischen 2021 und 2023 zum Kult. Seine emotionale Art an der Seitenlinie, die allgegenwärtige Schiebermütze und seine ehrlichen Pressekonferenzen machten ihn zum Liebling der Liga. Anthony Modestes Torjubel mit der Sonnenbrille wurde zum viralen Hit und zum Symbol der Kölner Lebensfreude.