Good to Know
Vier Episoden über Kölner Machtpolitik, Trainerlegenden und verpasste Chancen – von Präsident Kremers Regentschaft bis zum bislang letzten Double 1978.
Kölscher Klüngel als Klub-DNA
Fünf Jahrzehnte Bundesliga, geprägt von Machtspielen im Präsidium — ein fußballerisches Westeros am Rhein.
Der 1. FC Köln hat in den fünf Jahrzehnten seiner Bundesliga-Zugehörigkeit immer wieder durch Machtspiele im Präsidium Schlagzeilen gemacht. Kölscher Klüngel, Intrigen und Machtspiele „at their best“ prägen den Verein. Eine Art fußballerisches Westeros mit Game of Thrones-Attitüde gehört zur Klub-DNA.
Franz Kremer, der Boss von 1948 bis 1967
Kremer regierte den FC zwei Jahrzehnte und holte Hennes Weisweiler 1955 als Trainer zurück — bis es krachte.
Dabei kann sich kein anderer Präsident länger im Amt halten als der „Boss“ - Franz Kremer. Er führt den Verein 20 Jahre lang von 1948 bis zu seinem plötzlichen Tod 1967 – die bis heute erfolgreichste Phase der Klubgeschichte. Das ist in Kölner Fankreisen und in Fußball-Deutschland hinlänglich bekannt. “) unfreiwillig zum Aufstieg des größten rheinischen Rivalen, Borussia Mönchengladbach beiträgt. Ganz maßgeblich sogar. Denn neben Kremer gibt es nach der Gründung des FC ein weiteres Alpha-Männchen im Verein, welches sich Kremer nur höchst ungern unterordnen will. Es ist Hennes Weisweiler. Der in Lechenich geborene Weisweiler spielt bereits in den späten Dreißigerjahren für den Vorgänger-Klub KBC. Nach dem Zweiten Weltkrieg betreut er den VfB Lechenich, als ihn Franz Kremer nach Köln zurückholt. Als Trainer etabliert Weisweiler den 1. FC Köln mit zwei fünften Rängen in den Jahren 1950 beziehungsweise 1952 und einem vierten Platz 1951 als Spitzenteam der Oberliga West.
Die Qualifikation zur deutschen Meisterschaft misslingt allerdings. Zum ersten Mal untreu wird Weisweiler dem „Effzeh“ in den Jahren 1952-55. Er trainiert den Rheydter SV und wird für ein Jahr Co-Trainer von Sepp Herberger. Kremer holt Weisweiler im Jahr 1955 zurück. Dieser will auf junge Spieler aus der Region setzen und seine Art von Fußball spielen lassen. Er verzichtet trotz zahlungskräftiger Unterstützer des Vereins, insbesondere des in Köln ansässigen Kaufhof-Konzerns, und eines anhaltend hohen Zuschauerzuspruchs auf kostspielige Neuverpflichtungen und zofft sich mit etablierten Spielern, die nicht in sein Konzept passen. Insbesondere mit dem damals 34-jährigen Starspieler Tschick Čajkovski, dessen Defensivverhalten Weisweiler ein Dorn im Auge ist („Tschik, decken! “).
Weisweilers Wechsel zu Borussia Mönchengladbach 1964
Am 27. April 1964 heuert Weisweiler in Mönchengladbach an — und formt elf Jahre später die Fohlenelf zur Spitzenmannschaft.
Zudem will sich der Boss, Franz Kremer, regelmäßig einmischen. Selbstherrlich und überzeugt von der eigenen Unfehlbarkeit will er bei der Zusammenstellung und der Aufstellung der Mannschaft mitreden. Weisweiler kann sein Konzept nicht umsetzen und wechselt verärgert zunächst auf die rechte Rheinseite in Köln, zu Viktoria Köln.
Als es ihm dort nicht gelingt, die Dominanz des Platzhirschen 1. FC Köln zu brechen, heuert er am 27. April 1964 beim damaligen Regionalligisten Borussia Mönchengladbach an. Der Rest ist bekannt. Am Niederrhein formt er in elf Jahren aus einem Regionalligateam eine europäische Spitzenmannschaft.
Die Krönung: Die Meisterschaften 1969/70, 1970/71, 1974/75, der legendäre Pokalsieg am 23. Juni 1973 gegen den 1. FC Köln und der UEFA-Pokalsieg 1975.
Double 1977/78 nach Weisweilers Barça-Aus
Erst der Bruch mit Johan Cruyff bei Barcelona machte den letzten großen Titel des 1. FC Köln möglich.
Der letzte große Titel des 1. FC Köln gelingt in der Saison 1977/78. Unter Hennes Weisweiler holen die Domstädter das Double aus Meisterschaft und Pokal. Der 12:0 Sieg von Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund hilft den Gladbachern unter Trainer Udo Lattek nichts mehr. Diese Geschichte kennt jeder FC-Fan.
Was wenige wissen: Ohne eine der größten Niederlagen von Hennes Weisweiler wäre es nie zum Triumph der Kölner gegen Mönchengladbach gekommen. Denn Weisweiler zieht es nach seinen Erfolgen am Niederrhein zum FC Barcelona. Barça lockt den deutschen Startrainer mit einem Monatsgehalt von umgerechnet 40.000 DM ans Mittelmeer.
Weisweiler will seinen Spielstil mit den holländischen Superstars Johan Cruyff und Johan Neeskens umsetzen. Doch von Beginn an kriselt es zwischen Don Hennes und König Johan. „Weisweiler ist nicht der Trainer meiner Wahl“, verkündet der niederländische Spielmacher offen gegenüber der Presse.
Als Cruyff am 8. Februar 1976 in Sevilla das zweite Gegentor verschuldet, holt ihn Weisweiler vom Platz. Cruyff ist sauer, die Fans sind es auch. Die Barca-Vereinsführung um Präsident Agostin Montal beendet den Konflikt dadurch, dass sie den Vertrag mit Cruyff verlängert und Weisweilers darauffolgende Bitte um vorzeitige Auflösung des Zweijahresvertrages akzeptiert.
Der Rest ist bekannt. Weisweiler heuert im Sommer 1976 beim 1. FC Köln an und demontiert – ganz nach Weisweiler-Schema – sofort die alternde FC-Ikone Wolfgang Overath. Mit Heinz Flohe als Dirigent schafft er in der Saison 1977/78 das Double.
KOE — Financial Stability Score
Köln hat den Abstieg und die Transfersperre überlebt — dank Großstadt-Erlösbasis und disziplinierten PK. Der Weg zurück ist bilanziell solider als bei den meisten Absteigern.
Europapokal-Rückkehr und die Baumgart-Jahre
In der Saison 2022/23 spielt der 1.
Conference-League-Rückkehr 2022/23
Erstmals seit 2017 wieder Europa: Gruppenphase gegen Arsenal, PSV Eindhoven und OGC Nizza.
FC Köln zum ersten Mal seit 2017 wieder im Europapokal — in der Conference League. Die Gruppenphase mit Arsenal, PSV Eindhoven und OGC Nizza ist für die Fans ein Fest, auch wenn der sportliche Ertrag überschaubar bleibt.
Steffen Baumgart, Kulttrainer mit Schiebermütze
Zwischen 2021 und 2023 wird Baumgart mit Mütze und rheinischem Temperament zum Social-Media-Phänomen.
Steffen Baumgart wird im Sommer 2021 Cheftrainer des 1. FC Köln — und prägt mit seiner Schiebermütze als unverwechselbares Markenzeichen sofort das Bild des Klubs. In seiner ersten Saison führt er den FC auf Platz 7 und in die Conference League — eine Sensation für ein Team, das in den Vorjahren häufig im Abstiegskampf stand.
Baumgarts Spielidee — hohes Pressing, vertikales Umschaltspiel, körperlicher Einsatz — passt zur kölschen Mentalität und macht ihn zum Kult-Trainer. 2023 trennt sich der Klub jedoch vorzeitig von ihm, nachdem die zweite Saison sportlich enttäuschend verläuft. Die Schiebermütze bleibt: Baumgart wechselt zum Hamburger SV.
[TODO faktencheck]